Beckett in Kassel

Kassel spielte in Becketts Leben eine bedeutende Rolle. Hier traf er wichtige Entscheidungen für sein späteres Leben.

Erste Hinweise darauf gab es bereits 1986 während eines internationalen Beckett-Symposiums der Universität Kassel. Durch den posthum veröffentlichten Frühroman „Traum von mehr bis minder schönen Frauen“ und die umfassende Biographie „Damned to Fame – The Life of Samuel Beckett“ von J. Knowlson wurden Becketts Beziehungen zu dieser Stadt offengelegt.

Er besuchte dort in den Jahren 1928 bis 1932 häufig die verwandte Familie Sinclair, da er ein Liebesverhältnis zu seiner Kusine Peggy hatte und sich mit seiner Tante Cissie und Onkel William ausgezeichnet verstand. William Sinclair befasste sich professionell mit moderner Malerei und weckte auch Becketts Interesse dafür, was sicher der entscheidende Grund für seine mehrmonatige Studienreise 1936/37 durch Deutschland war. (Vgl. „Samuel Beckett und Kassel 1928 – 1932“, Hg. Samuel Beckett Gesellschaft, Göttingen 2006.)

Als künftiger „Vollender der Moderne“ kam Samuel Beckett in Kassel mit Künstlern in Kontakt, die hier schon in den 20er Jahren einige internationale Ausstellungen moderner Gegenwartskunst initiiert hatten, aus denen später die documenta entstand.

Becketts Theaterstücke wurden am Staatstheater Kassel bereits in den 50er und 60er Jahren erfolgreich aufgeführt Wenngleich Beckett nach seinen häufigen Besuchen im Kassel der 20er und 30er Jahre nie mehr in diese Stadt wiederkehrte, verband ihn eine enge Brieffreundschaft von 1963 bis zu seinem Tod 1989 mit dem Kasseler Arzt und über Beckett promovierten Dr. phil. Gottfried Büttner. Dr. Büttner war es auch, der während des oben erwähnten Beckett-Symposiums 1986 auf Becketts frühere Beziehungen zu Kassel aufmerksam machte. Seine Informationen wurden durch das Erscheinen von Becketts „Traum von mehr bis minder schönen Frauen“ 1993 bestätigt. Dieser Roman enthält etliche Szenen in nahezu autobiographischer Art, die in Kassel spielten. Die verschlüsselten Namen der Handelnden sind leicht zuzuordnen, die der besuchten Orte in dieser Stadt wurden von Beckett unverschlüsselt wiedergegeben.

So stellt Beckett beispielsweise in diesem Roman seine Ankunft in Kassel anschaulich dar:

„Hinab dann die kopfsteingepflasterte Gasse trauriger Weihnachtsbäume, die zwischen Trambahn und Trottoir vielfach in grätiger Stauung zitterten, flog der prächtige Wagen zum Kirchturm hin, der in makellos majestätischer Ausrichtung die jetzt schemenhafte Größe des Herkules ausstach und die  dürftigen Kaskaden, die lustlos und selbstvergessen herabfielen, das bißchen, was da war, und weil es wohl oder übel mußte, runter in die verstopfte Rinne der schneeverkleideten Hohenzollerngrotte zum Schloß.“

Auch der Frankfurter Autor Jamal Tuschick, der aus Kassel stammt, hat in den 90er Jahren Becketts Bezüge zu Kassel beschrieben. Büttners und Tuschicks Hinweise führten in der Neuzeit dazu, dass das in Kassel weitgehend verschüttete Erinnern an Samuel Beckett wieder belebt wurde. 2002 begannen umfangreiche Recherchen über die Besuche Becketts in Kassel, noch lebende Zeitzeugen wurden befragt, Ergebnisse in der örtlichen Presse veröffentlicht und Rundgänge ‚auf Becketts Spuren‘ durchgeführt. Es gründete sich ein Arbeitskreis, dessen Wirken in die Bewerbung Kassel als Europäische Kulturhauptstadt einfloss. 2005 wurden diese Aktivitäten in die Gründung der Samuel Beckett Gesellschaft überführt.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.